Routine, Zeitdruck und wechselnde Bedingungen gehören zum Baustellenalltag und können auch die Arbeitssicherheit beeinflussen.
Sicherheitsingenieur Marius Möcklinghoff spricht im Interview darüber, warum bekannte Regeln allein nicht immer ausreichen, weshalb Planung für ihn eine zentrale Sicherheitsmaßnahme ist und welche Möglichkeiten digitale Trainings bieten.
Dabei wird deutlich: Sicherheitskultur auf Baustellen ist kein Einzelprojekt, sondern ein Prozess, der Organisation, Führung, Unterweisung und tägliche Routinen einbezieht.
„Mal eben schnell“ etwas trennen, ohne die notwendige PSA zu nutzen. Ein Kabel „nur kurz“ so verlegen, dass es für andere zur Stolperstelle wird. Oder bei einem neuen Bauvorhaben davon ausgehen, dass es genauso laufen wird wie das vorherige.
Solche Situationen kennt Sicherheitsingenieur Marius Möcklinghoff aus der Praxis.
Für unser Format „3 Fragen an“ haben wir mit ihm zunächst über aktuelle Herausforderungen im Arbeitsschutz, klassische Schulungen und den Umgang mit kritischen Gefahrensituationen gesprochen.
Hier das Video auf LinkedIn ansehen.
Anschließend haben wir das Gespräch vertieft und Marius weitere Fragen zu Routine, Zeitdruck, Planung, Führung und Sicherheitskultur auf Baustellen gestellt.
Wer ist Marius Möcklinghoff?
Marius Möcklinghoff, M.Sc., ist QHSE Manager bei der HOCHTIEF PPP Solutions GmbH und verfügt über mehr als zehn Jahre Erfahrung im Arbeitsschutz Sein Schwerpunkt liegt in der Betreuung des Arbeitsschutzmanagementsystems.
Im Interview spricht er aus seiner beruflichen Praxis bei HOCHTIEF PPP Solutions über aktuelle Herausforderungen im Arbeitsschutz, den Einfluss von Routinen und Planung sowie darüber, wie Sicherheitskultur im Arbeitsalltag gestärkt werden kann.
Welche Herausforderungen begegnen dir im Arbeitsalltag im Bereich Arbeitssicherheit besonders häufig?
Die Arbeitswelt war schon immer einem stetigen Wandel ausgesetzt. Früher war es die Industrialisierung, heute liegt der Fokus stärker auf Themen wie Digitalisierung und der Flexibilisierung der Arbeitswelt. Dazu gehören zum Beispiel neue Technologien wie künstliche Intelligenz oder softwaregestützte Instrumente, die wir im Arbeitsschutz immer häufiger einsetzen. Auch die flexible Gestaltung von Arbeitsplätzen und Arbeitszeiten stellt uns vor neue Herausforderungen, die wir berücksichtigen müssen.
Früher lag der Fokus im Arbeitsschutz stärker auf der reinen Vermittlung von Wissen. Heute geht es mehr darum, Menschen zu einem sicherheitsbewussteren Verhalten zu bewegen. Diesen Weg müssen wir gemeinsam gehen.
Damit eröffnet Marius eine Perspektive, die sich durch das weitere Gespräch zieht: Arbeitsschutz verändert sich mit der Arbeitswelt. Neben der Vermittlung von Wissen rückt aus seiner Sicht zunehmend die Frage in den Vordergrund, wie Sicherheit im tatsächlichen Arbeitsalltag verankert werden kann.
Was unterscheidet digitale Trainings aus deiner Sicht von klassischen Schulungen?
Klassische Schulungen haben erfahrungsgemäß eine sehr geringe Halbwertszeit. Man setzt sich hin, bekommt Inhalte vermittelt, geht anschließend raus und macht vieles wieder so wie bisher. Das sollte natürlich nicht so sein, ist aber leider die praktische Realität.
Bei Online-Unterweisungen in Folienform, bei denen man sich durch Inhalte klickt und anschließend Fragen beantwortet, haben wir die Erfahrung gemacht, dass sie häufig mal eben zwischendurch im normalen Arbeitsalltag absolviert werden.
Auch hier fehlt dann oft die Nachhaltigkeit, um das Erlernte anschließend wirklich in den Arbeitsalltag zu integrieren und umzusetzen.
TOUGH bietet genau hier eine andere Möglichkeit: Man kann in eine Situation eintauchen und sie erleben. Dafür muss man sich fokussieren und sich die Zeit nehmen, das Training durchzuarbeiten. Die Rückmeldungen, die wir anschließend bekommen, zeigen auch, dass sich die Leute intensiv damit beschäftigen und das Training wirklich nutzen.
Marius stellt damit vor allem den Unterschied zwischen einer eher passiven Wissensvermittlung und dem aktiven Beschäftigen mit einer Situation heraus.
Mehr zu den interaktiven Sicherheitstrainings von TOUGH.
Wie unterstützt digitales Training dabei, Mitarbeitende besser auf kritische Situationen und reale Gefahren vorzubereiten?
Gerade bei kritischen und gefährlichen Situationen im Arbeits- und Gesundheitsschutz, bei denen möglicherweise akute Gefahr für Leib und Leben besteht, reicht die rein theoretische Vermittlung aus meiner Sicht nicht aus. Auf Baustellen können das zum Beispiel Kranarbeiten, Absturzgefährdungen oder Brandsituationen sein.
Solche Situationen nur theoretisch vermittelt zu bekommen, hilft nicht wirklich dabei, auch das Unterbewusstsein der Beschäftigten zu erreichen.
Eine solche Situation selbst zu erleben, auch wenn es nur digital ist, bietet zum einen die Sicherheit, dass man sich nicht tatsächlich in eine akute Gefahrensituation begeben muss. Zum anderen hat man die Möglichkeit, diese Situation zu erleben und zu verinnerlichen, wie man sich dort verhalten sollte.
Zum Stellenwert digitaler Lösungen im Arbeitsschutz ergänzt Marius im Gespräch:
„Arbeitsschutz wird leider immer noch viel zu häufig als lästige Pflichterfüllung angesehen. Man macht ihn natürlich, um gesetzliche, rechtliche und berufsgenossenschaftliche Anforderungen zu erfüllen. Arbeitsschutz schützt leider vor Arbeit nicht.
Digitale und softwaregestützte Lösungen sowie die Gamifizierung der Unterweisung durch TOUGH-Training können aber dabei helfen, Arbeitsschutz nicht nur als lästige Pflicht abzuarbeiten, sondern Inhalte wirklich zu erleben, zu verinnerlichen und daraus einen wertschöpfenden Nutzen zu ziehen.“
Sicherheitskultur auf Baustellen: Was ist ein Sicherheitsfehler, den du immer wieder beobachtest und warum passiert er trotz Schulungen so häufig?
Fehler passieren häufig aus Routine. Manche Angewohnheiten haben sich über Generationen weitervererbt – zum Beispiel, „mal eben schnell“ etwas zu trennen oder zu sägen, ohne die notwendige PSA zu nutzen. Oder ein Kabel wird „nur kurz“ verlegt und dann für andere zur Stolperstelle.
Solche festsitzenden Angewohnheiten lassen sich durch einfache Schulungen nicht abgewöhnen. Dafür braucht es einen Prozess hin zu einer ganzheitlichen Sicherheitskultur, in der alle Ebenen berücksichtigt werden.
Hier verbindet Marius zwei Themen aus dem Gespräch: die Vermittlung von Sicherheitswissen und die Routinen, die sich im Arbeitsalltag entwickelt haben.
Seine Aussage richtet den Blick damit nicht nur auf einzelne Situationen, sondern auf den langfristigen Aufbau einer Sicherheitskultur.
Auf Baustellen zählt oft Tempo. Wie lässt sich verhindern, dass Zeitdruck zum Sicherheitsrisiko wird?
Tempo und Zeitdruck entstehen häufig in der Ausführungsphase eines Projekts. In den allermeisten Fällen lässt sich das durch eine gute, detaillierte und vorausschauende Planung reduzieren.
Wenn bereits vor Beginn der Ausführungsphase alle Beteiligten wissen, welche Projektphasen wann und wie erreicht werden sollen, und entsprechend darauf vorbereitet sind, lassen sich Überraschungen und Improvisation vermeiden.
Dazu gehören auch eine vollumfängliche Beurteilung der Arbeitsbedingungen und Gefährdungen sowie eine effektive Unterweisung aller Beschäftigten.
Welche Sicherheitsmaßnahme wird in der Praxis deiner Meinung nach am häufigsten unterschätzt?
Genau das: die Planung. Auch hier wird Routine oft zum Gefährdungsfaktor.
Ein neues Projekt beginnt, das einem vorherigen ähnelt, und die Beteiligten gehen davon aus, es genauso umsetzen zu können. Aber kein Bauvorhaben ist gleich.
Unvorhergesehene Ereignisse wie Personalausfälle, Lieferengpässe oder äußere Einwirkungen können schnell dazu führen, dass ganz andere Sicherheitsmaßnahmen notwendig werden als bei früheren Projekten. Dann kommt es häufig zur Improvisation und dadurch können neue Gefährdungen entstehen.
Hat sich durch digitale Trainings etwas im Umgang mit Sicherheit verändert zum Beispiel in Gesprächen, im Verhalten oder im Bewusstsein der Mitarbeitenden?
Digitale Trainings bieten ganz andere Möglichkeiten als der gewohnte Frontalunterricht. Und damit meine ich nicht PowerPoint-Präsentationen, durch die man sich zwischendurch durchklickt.
Digitale Trainings mit Video- oder Gamingkomponenten ermöglichen nicht nur eine einheitliche und visuelle Vermittlung des zu unterweisenden Themas. Sie bieten auch die Möglichkeit, Situationen mit hohem Gefährdungspotenzial aus einer sicheren Umgebung heraus quasi „live“ zu erleben.
Das führt nicht selten zu einem nachhaltigen Wow-Effekt.
Gab es ein Erlebnis, das deinen Blick auf Arbeitssicherheit dauerhaft verändert hat?
Kein einzelnes Erlebnis, aber Situationen, die ich immer wieder beobachte. Nach schweren Unfällen sehe ich häufig, dass sich die Einstellung zur Arbeitssicherheit bei allen Beteiligten massiv verändert.
Es werden Beurteilungen durchgeführt, Maßnahmen abgeleitet sowie Unterweisungen und Schulungen organisiert. Auch das Sicherheitsverhalten der Beschäftigten – insbesondere derjenigen, die an dem Unfall beteiligt waren – ist anschließend vorbildlich und vorausschauend.
Leider hält das häufig nicht lange an. Schon wenige Wochen oder teilweise sogar Tage nach dem Unfall schleicht sich die Routine wieder ein und viele handeln wieder wie vorher, als wäre nichts passiert.
Welche Lektion hast du daraus mitgenommen?
Wir müssen im Arbeitsschutz immer „vor der Lage“ bleiben. Wir müssen Unfälle verhindern, bevor sie passieren.
Dafür reicht es nicht aus, lediglich gesetzliche oder berufsgenossenschaftliche Anforderungen zu erfüllen. Es muss eine wertschöpfende und proaktive Sicherheitskultur etabliert werden.
Hier nehme ich ganz besonders Führungskräfte und ihre Vorbildfunktion in die Pflicht. Nur wenn von oben vorgelebt wird, dass Arbeitsschutz nicht nur auf dem Papier existiert, sondern ein elementarer Bestandteil der Unternehmensphilosophie ist, kann er auf allen Ebenen wirken und dazu beitragen, Unfälle zu verhindern.
Abschluss: Was würdest du anderen mitgeben, die Arbeitssicherheit wirklich voranbringen möchten?
Habt Geduld und nehmt euch nicht zu viel auf einmal vor. Priorisiert eure Vorhaben und setzt sie nach und nach um.
Der Weg zu einer präventiven Sicherheitskultur ist ein Prozess, der sich nicht auf Knopfdruck umsetzen lässt. Dafür sind die Routinen oft viel zu fest verankert.
Was Unternehmen aus dem Gespräch mitnehmen können
Aus den Antworten von Marius lassen sich fünf praktische Ansatzpunkte herauslesen:
- Routinen ernst nehmen: Gerade Situationen nach dem Muster „mal eben schnell“ können zeigen, wo sich Gewohnheiten im Alltag verfestigt haben.
- Planung frühzeitig mit Arbeitsschutz verbinden: Arbeitsbedingungen und Gefährdungen sollten bereits vor der Ausführungsphase berücksichtigt werden.
- Kein Bauvorhaben automatisch wie das vorherige behandeln: Personalausfälle, Lieferengpässe oder äußere Einwirkungen können andere Maßnahmen erforderlich machen.
- Unterweisungen nicht nur als Wissensvermittlung betrachten: Marius hebt besonders das aktive Erleben und die Beschäftigung mit konkreten Situationen hervor.
- Veränderungen Schritt für Schritt umsetzen: Sein abschließender Rat ist ausdrücklich, Vorhaben zu priorisieren und nicht alles gleichzeitig verändern zu wollen.
Sicherheitskultur auf Baustellen braucht mehr als eine einzelne Schulung
Von den ersten Fragen des Videointerviews bis zu den vertiefenden Antworten zieht sich ein gemeinsames Thema durch das Gespräch: Wie wird aus vermitteltem Wissen tatsächlich gelebter Arbeitsschutz?
Marius verweist dabei auf unterschiedliche Faktoren, von Veränderungen der Arbeitswelt über Routinen und Projektplanung bis zur Vorbildfunktion von Führungskräften.
Digitale Trainings sind in dieser Betrachtung ein Baustein. TOUGH entwickelt interaktive Trainings für typische Arbeits- und Gefahrensituationen in Bau und Infrastruktur und ergänzt damit klassische Formen der Sicherheitsunterweisung.
Mehr über die digitalen Sicherheitstrainings erfahren.
Von der Unterweisung zur erlebbaren Situation
Wenn Unterweisungen im Arbeitsalltag nicht nur absolviert, sondern stärker mit konkreten Situationen verbunden werden sollen, können interaktive Trainings eine Ergänzung sein.
TOUGH bildet typische Arbeitsabläufe und Gefahrensituationen digital ab, sodass Beschäftigte sich aktiv mit ihnen auseinandersetzen können.
FAQ zur Sicherheitskultur auf Baustellen
Warum entstehen laut Marius Sicherheitsfehler trotz Schulungen?
Marius führt dies insbesondere auf festsitzende Routinen und Angewohnheiten zurück. Nach seiner Aussage lassen sich solche Routinen nicht durch einfache Schulungen abgewöhnen, sondern erfordern einen Prozess hin zu einer ganzheitlichen Sicherheitskultur.
Welche Rolle spielt Planung für die Arbeitssicherheit?
Marius bezeichnet Planung als eine häufig unterschätzte Maßnahme. Besonders vor Beginn der Ausführungsphase seien eine vorausschauende Planung, die Beurteilung der Arbeitsbedingungen und Gefährdungen sowie eine effektive Unterweisung wichtig.
Welchen Vorteil sieht Marius in digitalen Trainings?
Er nennt insbesondere die Möglichkeit, in Situationen einzutauchen und auch gefährliche Situationen digital zu erleben, ohne Beschäftigte tatsächlich einer akuten Gefahr auszusetzen.
Warum spielen Führungskräfte bei der Sicherheitskultur eine wichtige Rolle?
Marius nimmt Führungskräfte ausdrücklich mit ihrer Vorbildfunktion in die Pflicht. Arbeitsschutz müsse von oben als elementarer Bestandteil der Unternehmensphilosophie vorgelebt werden.


